Schon mal gehört? Gemeinwohl-Ökonomie!

Christian Felber.

ist für mich ein eher unscheinbarer Prophet. Ich habe ihn als Fussgänger (ich war natürlich zweirädrig unterwegs) kurz vor der Hangstrasse in Lörrach getroffen und fragte ihn nach dem Weg zur Dualen Hochschule. Mit einem Anflug von Österreichisch (hmmmm...) kam seine Antwort, er vermute, dass die Richtung, in der ich unterwegs war, stimme. Und er wollte noch wissen, ob ich dort zum Vortrag oder etwas anliefern wolle. Ich merkte erst später im Auditorium, das schier aus den Nähten platzte, dass mein outfit (hier im Schneesturm gestartet...) nicht ganz der Etikette des sonstigen Publikums entsprach. Studium Generale ist eine Initiative der Dualen Hochschule für Unternehmer, Managerinnnen und Aubilder...

Eins nach dem anderen. ich fragte ihn also, ob er etwa der Referent des Abnds sei und so war‘ s dann. Ich hatte also nicht einen der Hunderte von Zuhörern, die sich im Auditorium versammelten, sondern den Kopf der Bande aangerempelt. Das Ding mit den Fügungen?

„Gemeinwohl-Ökonomie“. Ist das sexy? Nö. Der Titel klang in meinen Ohren eher wie eine Abteilung in einem Seniorenheim als wie ein revolutionäres Konzept für eine Welt mit mehr Lebensqualität. Fernab von den lockenden Prädikaten der zahllosen unnötigen Produkte, nach denen die Werbung in allen Sorten Medien uns Gelüste weckt. Sie ist nicht schneller, billiger oder geiler als Kapitalismus. Nur besser.

Ich war unschlüssig gewesen, ob ich für den Vortrag nach Lörrach fahren sollte, aber das Schneetreiben und die zugehörigen Strassenverhältnisse liessen mir dann doch keine Ruhe am Schriebtisch. Ja, da sassen sicher 300 (!) Menschen auf den Stühlen und Not-Sitzgelegenheiten, und alle waren sie korrekter gekleidet als ich mit meinen Fahrrad-Überschuhen. Aber es war schon der richtige Ort, der Titel des Vortrags leuchtete ja schon von der Projektions-Leinwand. Den knallvollen Saal betraten sehr pünktlich also auch Christian Felber und ich. zwei Stühle waren auch noch frei.

ausgangspunkt.

Publizist lautet die Berufsbezeichnung, mit der Felber vorgestellt wurde und er hat allerlei studiert, in Wien und Madrid. Nicht Wirtschaftswissenschaft! Das war ihm zu trocken. Romanistik, Psychologie, Soziologie... Betreibt nebenher Tanz-performance und hat attac Österreich gegründet.

Aber dass die Mechanismen des Wirtschaftssystems Einfluss darauf haben, ob es uns gut geht, das war ihm immer klar. Er wollte eigentlich Universalwissenschaftler werden und dafür schien ihm die Universität wegen derVerwandtheit der Anfangsbuchstaben der angemessene Ort. Gibt es aber nach Faust nicht mehr. Erlaubt ist allemal, Verbindungen und Wechselwirkungen zwischen den Weltsichten der Fakultäten zu suchen und ihre Selbstherrlichkeit anzuzweifeln. Sokrates war es doch, der auf Felbers Leinwand zu uns sprach (sinngemäss), dass Wirtschaft ihre Legitimation von der Ethik bezöge. Und Felber ergänzte unter Zustimmung des gesamten Auditoriums, dass Geld nur ein Mittel sei, das im Idealfall zur Befriedigung unserer tiefern Bedürfnisse eingesetzt wird. Sich aber durch Verfehlungen („Sündenfall“) in die Rolle eines Grundwertes gedrängt hat. Ein Zweck wurde, statt Mittel zu bleiben. Über Grundbedürfnisse erfahren wir mehr als aus den Aktienkursen in unseren menschlichen Beziehungen. Er fragte im Publikum ab, welches die Werte/Eigenschaften seien, die eben dort für Erfolg sorgen könnten und bekam zu hören: Solidarität, Empathie, Rücksichtnahme, Toleranz... Das sei auf der ganzen Welt gleich, meinte der viel greiste Referent. Was läge näher, als auf diesen Werten basierend ein Wirtschafts-System aufzubauen?

schwächen.

Auch auf die üblicher Weise im Wirtschaftsleben geltenden „Werte“, nämlich Erfolgsgaranten, fragte Felber sein Publikum ab. Vielleicht ein Grund dafür, dass es so angenehm ist, ihm zu zu hören: seine Fragen sind sehr leicht zu beantworten... Also: Gewinn-Maximierung, Ausbeutung, Egoismus... Nun, man könnte meinen: das (Wirtschafts-) Leben ist kein Ponyhof. Da geht es halt einmal sachlicher zu als da, wo wir uns gemüt-lich zusammenfinden.

widersprüche.

Dann das ABER: Die gesamte wirtschaftliche Tätigkeit dient dem Gemeinwohl, insbesonders der Gewährleistung eines menschenwürdigen Daseins für alle und der allmählichen Erhöhung der Lebenshaltung aller Volksschichten. Kommunistisches Manifest? Knapp daneben. Bayerische Landesverfassung, Artikel 151. Und in zahlreichen weiteren Verfassungen demokratischer Gesellschaften stehen vergleichbare Vorgaben. Nur die Welt ist anders. Parallel wird über Mindesteinkommen und Gerechtigkeit diskutiert. Um uns Zuhörer wach zu halten hatte Christian Felber eigentlich ein Spiel vorgesehen, bei dem sich ergibt, welche Einkommensverteilung wir für gerecht hielten. Um das Programm zu straffen, entschied er sich aber statt dessen, mitzuteilen, wie das Spiel üblicher Weise bei seinen Auftritten verläuft: das 5-fache oder auch zehnfache des Mindesteinkommen dürften nach Meinung der Hörerschaft Spitzenverdiener nach Hause tragen. Auch in Lörrach kam das dem Publikum als sinnvolle Grösse vor. In Deutschland ist das Verhältnis allerdings etwa 6000:1

lösungen.

Der Weg ist ja das Ziel. Wichtig ist nicht, die gerechte Wirtschaft bis zum i-Tüpfelchen in der Theorie zu konstruieren, sondern sich auf den Weg zu machen. In der Gemeinwohl-Ökonomie wurde eine Matrix entwickelt, mit der sich bewerten lässt, wie weit ein Unternehmen die Indikatoren, die aus den oben genannten Werten der menschlichen Beziehungen abgeleitet sind, entsprechen. In seiner Beschaffung, der Behandlung der Mitarbeiter, der Umwelt, der Geschäftspartner... Es lässt sich mit der Matrix eine – symbolisch die konventionelle wirtschaftliche Bilanz ersetzende – Gemeinwohl-Bilanz erstellen. Minuspunkte werden zum Beispiel durch undemokratische Strukturen, Waffen als Produkte, Dumpingpreise...gesammelt, während Arbeitsplatzqualität, Lohngerechtigkeit, ethisches Beschaffungsmanagement... Pluspunkte generieren. Das System wird bereits angewendet, es gibt etwa 200 Unternehmen, die sich der Gemeinwohl-Ökonomie verschrieben haben, in Österreich, Deutschland, Spanien, Lateinamerika und gar in Senegal.

Und einige Gebietskörperschaften wie z.B. drei Österreichische Bundesländer unterstützen die Gemeinwohlbilanz mir erheblichen Zuschüssen.

kooperation.

Es war mein erster Kontakt mit Gemeinwohl-Ökonomie. Wie gesagt, sie kommt ja eigentlich nicht sexy daher... ABER hat es in sich. Und dann: ich empfinde die kein bisschen „abgehobenen“, sondern sehr erdnahen und aufs Einfachste nachvollziehbaren Thesen von Christian Felber als ausserordentlich kompatibel mit vielen Bewegungen, die in die „richtige“ Richtung verlaufen: fair trade, greenbuilding, 100%erneuerbar, ...

regionale verankerung.

Es gibt einen gesunden Widerstand in den meisten von uns gegenüber von oben aufgestülpten Strukturen. Eine Reform, die dauerhaft ankommen soll, muss vor Ort verankert und steuerbar sein. Die Bewegung Gemeinwohl-Ökonomie wird deshalb von regionalen „Energiefeldern“ getragen und verbreitet. Nicht diese Felder mit den Bohrtürmen im Wilden Westen, nein. und auch keine Oasen spiritueller Vibrationen. Es sind die Basisgruppen, die das gute gedankengut regional pflegen und Unternehmen iunterstützen, die einsteigen wollen. Es gibt sie:

in Basel
in Freiburg
in Lörrach
Schwarzer Fleck auf der Landkarte ist der Landkreis Waldshut. Wieso eigentlich nicht

anpacken?

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mehr zum Lesen:

Gemeinwohl-Ökonomie
Christian Felber

Studium Generale
GWÖ im Dreiland
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